#121 – Gedanken…
MacManiac | 1. November 2005 | 00:00Manchmal, da die Tage unaufhaltsam kürzer werden, die Sonne schon am Morgen mit langen Schatten seltsame Muster an die Wände malt und die Nebel schon frühmorgens altbekanntes verhüllen, ja… dann erinnert er sich. Was längst vergessen gedacht, erreicht plötzlich die Oberfläche seines Verstandes, benebelt ihn zugleich und läßt den Alltag vergessen…
Allerheiligen stand vor der Tür. Die Zeit, in der wir der Verstorbenen gedenken sollten. Die Zeit, die von der zunehmend amerikanisierten Gesellschaft heute zur Konsumsucht genutzt wird um Schokoladenkürbisse zu kaufen und kleine Kinder mit dem Spruch Süßes oder Saures nächtens auf die Straßen zu schicken…allerheiligen, die Kirche gedenkt der Heiligen, jener, derer nur Gott gewahr ist, allerseelen, der Tag, an dem wir unserer Ahnen gedenken…
Als er losging, nicht gewahr wohin in sein Weg ihn führen sollte, war sein Verstand voll von Fragen, Fragen, was die Zukunft brächte. Fragen, ob der Aufbruch zu neuen Gestaden denn sinnvoll wäre und sein Leben tatsächlich bereichern w??rde…
Bald führt sein Weg ihn weg von der asphaltierten Straße, näher zu den alten Wäldern. Die Sonne hatte den Zenit bereits überschritten und näherte sich den spitzen Zacken der Berge unaufhörlich. Wenige Vögel zwitscherten zu dieser Zeit des Jahres. Viele waren weitergezogen, so wie auch er es bald tun würde. …Würde er?

Der breite, mit bereits gelb verfärbten Gräsern überwucherte Waldweg endete in einer Lichtung die von den langen Schatten der Haselnußzweige zerschnitten wurde. Wo setzte sich der Weg fort? Denk nach, sagte er zu sich, du warst als kleiner Junge oft hier, wohin hat die Mutter sich damals gewandt, wo geht’s weiter? Da, ohne einen Weg zu sehen ging er weiter, die dichten Hecken und Sträucher schienen sich zu öffnen und da lag er, der Weg. Schmal und fast vom Dickicht verdeckt lag er da, es war doch fast unmöglich gewesen, ihn zu übersehen! Sind die Wege immer da, sann er, fügen sich die Dinge immer zum Besten? Der kleine Junge in ihm war erwacht und mit einmal sah er vor sich die Erinnerungen seiner Kindheit. Das vergnügte tollen auf den weiten Wiesen hinauf bis zu den Buchenhainen, die schmalen Pfade die sich hinaufwanden bis zu einer Anhöhe von der aus man die Heimat überblicken konnte. Er hörte die Stimme der Mutter die bedächtig die Pflanzenarten erklärte und ihm einst versucht hatte, die Natur näher zu bringen.
Er wandte sich nach rechts und suchte im Dickicht nach dem alten Pfad hinauf zur Anhöhe. Schließlich fand er ihn, genau da, wo er auch Jahrzehnte zuvor schon gewesen war. Zick zack, mal links, mal rechts wand sich der Pfad nach oben und er dachte, ob der Aufstieg auch früher schon so anstrengend gewesen sei? Kehre um Kehre verging bis er oben angelangt war, die Sonne fiel auf seine Schultern und trieb ihm den Schweiß ins Gesicht. Warm war es, …es war doch schon Anfang November! Er wandte sich um und blickte hinab auf die Heimat. Die nun klein wie Ameisen erscheinenden Autos fuhren umher auf den Straßen, wie weit die Zivilisation nun schon weg zu sein schien. Mit einem Mal fühlte er sich wieder als Achtjähriger der dastand, fasziniert, wie klein Häuser und Menschen mit zunehmender Entfernung wurden, und der einfach nur glücklich war, glücklich…. zu sein.

Doch, die die Nebel die seinen Verstand fest im Griff hielten, seine Kindheit als ügewesenü titulierten, begannen zu schwinden, lästen sich im warmen Lichte der Herbstsonne langsam auf. Er folgte weiter dem Weg. Da waren Sie, die alten Buchenwälder durch deren nun schötter gewordenes Blätterdach die Herbstsonne blinzelte. Hoch schwangen sich die weißen Stämme dem Himmel empor und das trockene Laub raschelte vergnügt unter seinen Füßen.

Wo war er, dieser magische Ort? Diese kleine Lichtung die er ab und an, in Gedanken versunken, noch aufsuchte? Würde er sie wieder finden? Er verließ den Pfad zwischen den Buchen und wandte sich nach links, tiefer in die Wälder. Finster war es und die Sonne, die das dichte immergrüne Nadelgehölz nicht zu durchdringen vermochte, gab keine Wärme mehr ab, hier unten. Etwas nach rechts, dachte er, und wanderte querfeldein. Immer weiter den Berg hinauf. Bald kreuzte er den Waldlehrpfad der schon in seinen Kindertagen diese die Bäume benennenden Schilder gehabt hatte… doch, er wollte nicht den Waldlehrpfad entlang gehen. Er überquerte ihn um einem schmalen, noch steileren Weg zu folgen. Hinauf, ich muß weiter hinauf, dachte er bei sich… Da! Etwas Sonne fiel durch das Dickicht aus Ranken und Tannen und der Boden ward bald von Gräsern bedeckt. Selbst zu dieser Stunde noch, waren sie naß von Tau. Er ging weiter, nun wußte er, daß er den alten Weg wieder gefunden hatte. In steilem Winkel ließ die Sonne das weiche Gras glitzern.

Plötzlich, da war sie, die Lichtung. Wie schon Jahre zuvor von dichtem grünen Gras bewachsen, immer noch lagen die alten Steine auf denen er schon als Kind verträumt gesessen hatte, umher, und zarte Spinnweben schienen in der Sonne glitzernd durch die Luft zu schweben. Er hielt inne und dachte, wieviele Menschen, die im Winter die nahegelegene Rodelbahn besuchten, von diesem seinen magischen Ort, wußten. Bald würde dieser zauberhafte Ort wieder still und starr von Schnee bedeckt hier liegen. Und nur er würde sich, wenn er nur wüßte wann, wieder daran erinnern…vielleicht.



Er ging weiter, die verzauberte Lichtung hinter sich lassend, und folgte der alten Rodelbahn talwärts. In weiten Schleifen wand sie sich den Hang hinab und die alten Bäume mochten im Winter hier schon so manches vergnügte Lachen gehört haben.
Nach einiger Zeit erreichte er wieder den Waldlehrpfad. Manche der Schilder bezeichneten Bäume, die bereits verschwunden waren und an deren Platze nun Löcher im Blätterdach klafften.

Weiter schlenderte er den nun Schubertweg genannten Pfad und wirbelte mit jedem Schritt erneut rotbraune Blätter auf. Eberesche stand auf einem weiteren Schild, dem der Baum abhanden gekommen war, und immer weiter folgte er dem Pfad bergab. Da, leise hörte er Autos und während er noch versuchte den Gedankenfetzen seiner Kindheit hinterherzueilen stand er auf der Straße, Autos fuhren vorbei…








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